Der Flug, den fast alle vergessen haben

Der letzte Flug der Swissair - und warum er gar nicht nach Kapstadt führte

Stefan Ehrbar

6/26/20265 min read

Swissair MD-11 in ZRH
Swissair MD-11 in ZRH

Fragt man heute nach dem letzten Flug der Swissair, lautet die Antwort oft:

Der offizielle Abschiedsflug nach Kapstadt.

Und tatsächlich: Am Abend des 27. März 2002 verabschiedeten sich über 4'000 Mitarbeitende, Gäste und Aviatik-Fans anlässlich einer Abschiedsparty am Flughafen Zürich von ihrer Fluggesellschaft. Die Swissair Big Band spielte, Swissair-Fähnchen wurden geschwenkt und Tausende verfolgten, wie die MD-11 als Sonderflug SR2400 nach Kapstadt abhob. Die Maschine war bereits wenige Stunden nach der Freigabe restlos ausverkauft.

Der ehemalige Verwaltungsratspräsident Armin Baltensweiler brachte die Stimmung in seiner Abschiedsrede auf den Punkt:

«Die Swissair war legendär, heute ist sie Legende.»

Für viele war dies der emotionale Abschied von einer Airline, die während 71 Jahren rund 260 Millionen Passagiere rund um den Globus befördert hatte.

Doch streng genommen war dies nicht der letzte Flug der Swissair.

Der wahre letzte Flug

Während sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Abschiedscharter nach Kapstadt richtete, befand sich auf der anderen Seite der Welt noch eine Swissair-Maschine auf ihrer letzten Linienrotation.

Flug SR145 war auf dem Rückweg von Buenos Aires über São Paulo nach Zürich.

Am Ostermontag, dem 1. April 2002, setzte die MD-11 um 07:15 Uhr auf der Piste 16 des Flughafens Zürich-Kloten auf.

Mit dieser unspektakulären Landung endete nach 71 Jahren die Geschichte der Swissair endgültig.

Kein Feuerwerk.
Keine Fernsehkameras.
Keine grosse Abschiedszeremonie.

Nur eine letzte Landung.

Und gerade deshalb gehört SR145 zu den bewegendsten Flügen der Schweizer Luftfahrtgeschichte.

Mit dem Öffnen der Türen endete nicht nur dieser Flug, sondern gleichzeitig verschwand auch der traditionsreiche IATA-Code SR für immer aus den weltweiten Flugplänen.

So berichtete die Schweizer Tagesschau über den historischen Flug: Link

Die MD-11

Zum Einsatz kam die McDonnell Douglas MD-11 HB-IWA, getauft auf den Namen «Obwalden».

Die MD-11 war das Flaggschiff der Swissair in den letzten Jahren ihres Bestehens. Mit ihren drei Triebwerken und ihrer unverwechselbaren Silhouette verband sie Zürich mit Nordamerika, Südamerika, Afrika und Asien und wurde zu einem Markenzeichen der Airline.

Nach dem Grounding vom Oktober 2001 wurden die verbliebenen Langstreckenverbindungen während einiger Monate weiter unter dem Namen Swissair betrieben. Erst Ende März 2002 übernahm die neu gegründete Swiss den Flugbetrieb.

Damit war SR145 nicht nur der letzte Linienflug der Swissair, sondern gleichzeitig auch die letzte Landung einer Swissair-MD-11 im regulären Liniendienst.

Eine zweite Karriere beginnt

Während der Name Swissair Geschichte wurde, begann für das Flugzeug selbst ein völlig neues Kapitel.

Die HB-IWA gehörte zu den Langstreckenflugzeugen, welche von der neuen Swiss übernommen wurden. Noch bis Mitte 2004 war sie auf Interkontinentalstrecken im Einsatz, bevor sie im Juli desselben Jahres in Zürich ausser Dienst gestellt wurde.

Nur wenige Monate später erfolgte die Überführung nach Neapel.

Dort erhielt die ehemalige Passagiermaschine ein zweites Leben. Die Kabine wurde vollständig ausgebaut, ein grosses Frachttor in den Rumpf eingesetzt und aus der MD-11 entstand ein moderner Langstreckenfrachter.

Unter der neuen amerikanischen Registrierung N624FE trat sie anschliessend ihren Dienst bei FedEx an.

Damit begann eine zweite Karriere, die ihre Zeit bei der Swissair und der Swiss sogar übertreffen sollte.

Während mehr als zwanzig Jahren transportierte die ehemalige Swissair-Maschine Nacht für Nacht Expresssendungen quer durch Nordamerika, über den Atlantik und bis nach Asien. Millionen von Paketen ersetzten Millionen von Passagieren.

Das unerwartete Grounding in Newark

Fast schien es, als würde die Karriere der ehemaligen HB-IWA geräuschlos ausklingen.

Doch Anfang November 2025 nahm ihre Geschichte noch einmal eine dramatische Wendung.

Nach dem Absturz einer MD-11 der UPS in Louisville, bei dem sich kurz nach dem Start ein Triebwerk mitsamt seiner Aufhängung von der Tragfläche löste, reagierten die amerikanischen Luftfahrtbehörden innerhalb weniger Stunden.

Sämtliche MD-11 mit derselben Triebwerksaufhängung mussten sofort überprüft werden.

Die Folge war ein weltweites Grounding eines grossen Teils der verbliebenen amerikanischen MD-11-Flotte.

Ausgerechnet die ehemalige HB-IWA hatte kurz zuvor ihren regulären Frachteinsatz beendet und befand sich am Flughafen Newark (EWR).

Dort blieb sie buchstäblich über Nacht stehen.

Nicht wegen eines Defekts an der Maschine selbst, sondern weil sämtliche Flugzeuge dieses Typs bis auf Weiteres nicht mehr fliegen durften.

Wochenlang stand die ehemalige Swissair-Maschine bewegungslos auf dem Vorfeld von Newark - genau dort, wo sie sich im Moment der behördlichen Anordnung befand.

Die Rückkehr eines Klassikers

FedEx wollte sich jedoch nicht von seiner bewährten MD-11-Flotte verabschieden.

Gemeinsam mit Boeing entwickelte das Unternehmen ein umfangreiches Inspektions- und Modifikationsprogramm. Dabei werden sämtliche Triebwerksaufhängungen demontiert, geprüft und mit einer konstruktiv verstärkten Lagerung versehen. Erst nach umfangreichen Tests dürfen die Flugzeuge wieder in den Liniendienst zurückkehren.

Seit 2026 kehren die ersten umgerüsteten Maschinen schrittweise wieder in den Betrieb zurück.

Auch N624FE, die ehemalige HB-IWA, gehört zu den Flugzeugen, die im Rahmen dieses Programms wieder aktiviert werden sollen. Aufgrund ihres guten technischen Zustands plant FedEx, die Maschine noch mehrere Jahre weiter einzusetzen. Nach heutiger Planung soll sie bis etwa 2030 - möglicherweise sogar darüber hinaus - als Frachter im weltweiten Expressnetz unterwegs sein.

Damit schreibt ausgerechnet das Flugzeug, das am Ostermontag 2002 als letzter Swissair-Linienflug der Geschichte in Zürich landete, seine Geschichte noch immer weiter.

Eine Geschichte, die weiterfliegt

Rückblickend wirkt es fast symbolisch.

Der Abschiedsflug nach Kapstadt erhielt die grosse Bühne. Tausende Menschen nahmen Abschied, Fernsehkameras begleiteten den emotionalen Moment und die Bilder gingen um die Welt.

Der eigentliche letzte Linienflug hingegen verlief beinahe unbemerkt.

Vielleicht passt genau das zur Geschichte der Swissair.

Nicht mit einem grossen Finale endete ihre Geschichte, sondern mit einer letzten, ganz gewöhnlichen Landung an einem Ostermontagmorgen.

Doch während die Swissair längst Geschichte ist, lebt ein Teil dieser Geschichte bis heute weiter.

Mehr als 28 Jahre nach ihrer Auslieferung und über zwei Jahrzehnte nach dem Grounding wird die ehemalige HB-IWA «Obwalden» auch künftig über den Atlantik fliegen - nicht mehr mit Passagieren, sondern mit Fracht.

Es dürfte weltweit kaum ein anderes Flugzeug geben, das die Geschichte der Swissair so eindrucksvoll überdauert hat wie die Maschine des letzten Linienfluges SR145.