Die letzten fliegenden Zeugen der Swissair
Sind heute noch Flugzeuge der Swissair im täglichen Einsatz?


Wenn Geschichte noch immer abhebt
Am 2. Oktober 2001 verstummten die Triebwerke der Swissair. Für viele Schweizerinnen und Schweizer war das Grounding weit mehr als das Ende einer Fluggesellschaft. Es war das Ende einer nationalen Ikone.
Wer heute jedoch glaubt, dass mit dem Grounding und dem Wechsel zur Swiss auch die letzten Flugzeuge der Swissair verschwunden sind, irrt.
Mehr als ein Vierteljahrhundert nach ihrer Auslieferung fliegen noch immer einige Maschinen, die einst das rote Swissair-Kreuz auf ihrem Leitwerk trugen. Sie sind die letzten lebenden Zeugen einer Airline, die über Jahrzehnte als Symbol für Schweizer Qualität, Zuverlässigkeit und Präzision galt.
Unter ihnen ragt ein Flugzeug besonders heraus.
HB-IOD - Die älteste aktive Swissair-Maschine
Die Airbus A321-111 mit der Immatrikulation HB-IOD wurde im April 1995 ausgeliefert und gehört damit zu den ältesten Flugzeugen der heutigen Swiss-Flotte. Gemeinsam mit ihrem Schwesterschiff HB-IOF ist sie die letzte verbliebene Vertreterin der ersten A321-Generation, die einst für die Swissair beschafft wurde.
Als HB-IOD ihren Dienst aufnahm, war die Welt eine andere.
Der Flughafen Zürich hiess noch Zürich-Kloten. Die Swissair befand sich auf dem Höhepunkt ihres internationalen Ansehens. Von den Terroranschlägen des 11. Septembers, der Hunter-Strategie oder dem späteren Grounding sprach damals niemand.
HB-IOD flog quer durch Europa und verband Zürich mit Metropolen wie London, Paris, Madrid, Rom, Amsterdam oder Stockholm. Millionen Passagiere stiegen im Laufe ihrer Karriere über die vorderen und hinteren Treppen dieses Flugzeugs ein.
Heute ist sie nicht nur das älteste Flugzeug der Swiss, sondern vermutlich auch das bekannteste verbliebene Flugzeug mit direkter Swissair-Vergangenheit.
Die letzten Swissair-Oldies
HB-IOD ist allerdings nicht allein.
Neben ihr fliegen noch mehrere Airbus A320, die bereits in den 1990er-Jahren für die Swissair ausgeliefert wurden und nach dem Grounding von der Swiss übernommen wurden. Dazu gehören die Maschinen HB-IJN, HB-IJO, HB-IJP, HB-IJQ und HB-IJR.
Diese Flugzeuge haben etwas gemeinsam:
Sie haben die Swissair erlebt.
Sie haben das Grounding überlebt.
Und sie fliegen heute noch.
Kaum ein Passagier ahnt, dass er auf einem Flug nach Barcelona, Berlin oder Athen möglicherweise in einem Flugzeug sitzt, das bereits vor dem Grounding im Einsatz stand.
Fast 30 Jahre in der Luft
Das Alter dieser Flugzeuge ist bemerkenswert.
HB-IOD wurde ausgeliefert, als Windows 95 gerade auf den Markt kam, Michael Schumacher seinen zweiten Formel-1-Weltmeistertitel gewann und das Internet noch eine technische Spielerei für wenige Spezialisten war.
Trotzdem transportiert das Flugzeug noch heute täglich mehrere hundert Passagiere durch Europa.
Moderne Airbus-Flugzeuge werden zwar für sehr lange Lebensdauern konstruiert, doch nur wenige Flugzeuge bleiben über drei Jahrzehnte hinweg bei derselben Airline-Gruppe im aktiven Linienbetrieb.
HB-IOD gehört zu diesen seltenen Ausnahmen.
Warum fliegen sie noch?
Eigentlich hätten die letzten Swissair-Airbusse längst ersetzt werden sollen.
Doch die weltweiten Probleme mit den Pratt & Whitney-Triebwerken der neuen Airbus-A320neo-Familie führten dazu, dass zahlreiche moderne Flugzeuge zeitweise am Boden bleiben mussten. Die alten Airbusse erwiesen sich deshalb als unverzichtbare Reserve.
Ironischerweise sind es gerade die ältesten Flugzeuge der Flotte, die heute oft als die zuverlässigsten gelten.
Die verschwundenen Geschwister
Viele andere Swissair-Flugzeuge hatten weniger Glück.
Die legendären MD-11-Langstreckenjets flogen nach dem Grounding zunächst weiter für Swiss und später als Frachter für FedEx oder UPS. Über zwei Jahrzehnte lang transportierten sie Pakete und Fracht rund um den Globus. Doch Ende 2025 verschwand auch die letzte ehemalige Swissair-MD-11 endgültig aus dem aktiven Flugbetrieb. Damit endete das Kapitel eines Flugzeugtyps, der wie kein anderer mit der Swissair verbunden war.
Auch zahlreiche Airbus A320 und A321 wurden in den vergangenen Jahren ausgemustert. Das Schwesterschiff HB-IOC, welche zu Swissair-Zeiten mit Olympischen Ringe flog, verabschiedete sich bereits Ende 2022 aus dem aktiven Dienst. Der bekannte Airbus A320 HB-IJI absolvierte seinen letzten Flug erst im Oktober 2025 und dient heute als Ersatzteilspender.
Die Flugzeuge, die nie Swissair-Farben tragen durften
Wenige Jahre vor dem Grounding plante die Swissair bereits die nächste Generation ihrer Langstreckenflotte.
1998 bestellte sie neun Airbus A340-600. Mit einer Länge von fast 76 Metern war der A340-600 damals das längste Passagierflugzeug der Welt und als Nachfolger der MD-11 vorgesehen. Die neuen Flugzeuge sollten die Zukunft der Swissair auf den Interkontinentalstrecken prägen.
Dazu kam es nie.
Nach dem Zusammenbruch der Swissair wurden die Bestellungen annulliert. Die bereits eingeplanten Flugzeuge gingen stattdessen an andere Fluggesellschaften. Sechs Maschinen wurden von South African Airways übernommen, die übrigen drei gingen an Iberia in Spanien.
Keiner dieser Jets flog jemals für die Swissair oder die Swiss.
Trotzdem gehören sie zu den faszinierendsten «Was wäre wenn?»-Geschichten der Schweizer Luftfahrt. Hätte die Swissair überlebt, wären genau diese Flugzeuge vermutlich zu den neuen Flaggschiffen der Langstreckenflotte geworden.
Ironischerweise sind inzwischen auch diese Maschinen verschwunden. Iberia stellte ihre A340-600-Flotte 2020 ausser Dienst, South African Airways kurz darauf. Damit verschwand auch das letzte Kapitel einer Zukunft, die nie Realität wurde.
Die letzte fliegende DC-9 der Swissair
Noch erstaunlicher ist die Geschichte einer anderen Maschine.
Während die meisten Flugzeuge der klassischen Swissair-Ära längst verschrottet wurden, flog bis ins Jahr 2024 tatsächlich noch eine ehemalige Swissair-Maschine im aktiven Passagierdienst.
Die McDonnell Douglas MD-81 mit der ursprünglichen Immatrikulation HB-ING wurde 1981 fabrikneu an die Swissair ausgeliefert. Nach ihrer Zeit in der Schweiz wechselte sie mehrfach den Besitzer und landete schliesslich in den USA.
Dort begann ihr zweites Leben.
Unter amerikanischer Registrierung transportierte sie über viele Jahre die Eishockeyspieler der Detroit Red Wings und die Baseballprofis der Detroit Tigers zu ihren Auswärtsspielen. Während ihre ehemaligen Schwestermaschinen längst verschrottet waren, flog sie noch mehr als vier Jahrzehnte nach ihrer Auslieferung.
Erst im Oktober 2024 absolvierte die ehemalige HB-ING ihren letzten Flug.
Damit endete die Karriere eines Flugzeugs, das fast 43 Jahre lang in der Luft war und als letzte aktive Passagiermaschine der ursprünglichen Swissair-DC-9-/MD-80-Familie galt.
Das Ende rückt näher
Auch für HB-IOD läuft die Zeit langsam ab.
Die heutige Swiss ersetzt ihre älteren Airbusse schrittweise durch neue Airbus A321neo. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass HB-IOD und HB-IOF zu den letzten Flugzeugen der ursprünglichen Swissair-Generation gehören werden, die noch im aktiven Dienst stehen.
Wenn dieser Tag kommt, wird ein weiteres Kapitel Schweizer Luftfahrtgeschichte enden.
Ein fliegendes Denkmal
Die meisten Symbole der Swissair sind längst verschwunden.
Die Marke existiert nur noch in Archiven, Museen und Erinnerungen. Die Gesellschaft wurde Ende 2025 endgültig aus dem Handelsregister gelöscht. Die MD-11 sind verschwunden, die letzten DC-9 und MD-80 längst Geschichte. Selbst die für Swissair bestimmten A340-600 haben inzwischen ihren Ruhestand angetreten.
Doch jedes Mal, wenn HB-IOD von Zürich abhebt, lebt ein kleines Stück Swissair weiter.
Vielleicht sitzt gerade jetzt irgendwo auf Sitz 14A oder 27F ein Passagier, der nicht weiss, dass er in einem der letzten verbliebenen Flugzeuge einer Legende unterwegs ist.
HB-IOD ist nicht die grösste, nicht die schnellste und auch nicht die berühmteste Maschine, welche die Swissair je betrieben hat.
Aber sie ist ein fliegendes Denkmal einer Epoche, in der das Schweizer Kreuz auf dem Leitwerk rund um die Welt für Qualität, Zuverlässigkeit und Vertrauen stand.
Verfolge hier auf welchem Flug sich HB-IOD gerade befindet.










