Grounded
Als ein Swissair-Mitarbeiter das Debakel vertonte


Ein Mann verlässt den Balsberg in Kloten. In seinen Händen trägt er zwei gefüllte Plastiksäcke.
Kurz zuvor war dies noch sein Arbeitsplatz gewesen. Nun trägt er nach draussen, was von seinem Berufsleben bei der Swissair übrig geblieben ist.
Vor dem Gebäude wartet ein Kamerateam des Schweizer Fernsehens. Michael Kull hält die beiden Säcke hoch und sagt einen Satz, der die Folgen des Swissair-Debakels wohl besser zusammenfasst als manche stundenlange Pressekonferenz:
«Alles, was mir noch bleibt, ist nun in diesen beiden Plastiksäcken.»
Kull hatte seine Stelle verloren.
Doch statt seinen Frust nur hinunterzuschlucken, tat der Musiker in ihm etwas anderes.
Er machte daraus einen Song.
Vom Route Profitability Reporting ins Chaos
Michael Kull war kein Pilot, kein Flugbegleiter und kein prominenter Swissair-Manager.
Er arbeitete im Balsberg im Bereich FFR - Route Profitability Reporting & IT Consulting.
Seine Welt bestand aus Verkehrszahlen, Wirtschaftlichkeit, Reporting und IT. Dann brach innerhalb weniger Tage jene Firma auseinander, für die diese Zahlen erstellt wurden.
Die Fernsehbilder zeigen die persönliche Seite davon: Ein Mitarbeiter räumt seinen Schreibtisch, packt seine Habseligkeiten in Plastiksäcke und geht.
Keine abstrakten 9'000 Stellen. Ein Mensch. Zwei Säcke. Feierabend.
Und zwar endgültig.


PHOENIX 26/26
Noch im Herbst 2001 entstand daraus ein ungewöhnliches musikalisches Zeitdokument.
Unter dem ebenso wenig zufällig gewählten Projektnamen PHOENIX 26/26 veröffentlichte Kull die CD:
«grounded (das debakel)»
Darauf befanden sich drei Versionen:
Radio Edit
Debakel Club Mix
Radio Instrumental
Schon der Name PHOENIX 26/26 war eine kaum zu übersehende Anspielung auf das Rettungsprojekt für die neue Schweizer Fluggesellschaft.
Doch «grounded» war weder Abschiedslied noch sentimentale Swissair-Hymne.
Es war vielmehr eine musikalische Collage aus Originalstimmen jener Personen, die das Debakel in diesen Tagen erklärten, kommentierten, finanzierten oder irgendwie unter Kontrolle zu bringen versuchten.
Heute würde man von einem sample-basierten Track mit Speech Samples sprechen. Das Prinzip erinnert an Paul Hardcastles Welthit «19», der Mitte der 1980er-Jahre Originalaussagen aus einer Vietnam-Dokumentation mit elektronischer Musik verband.
Nur ging es diesmal nicht um Vietnam.
Es ging um Kloten.


Wenn sich die Aussagen selbst kommentieren
Das eigentlich Geniale an «grounded» ist die Montage.
Kull musste die Ereignisse gar nicht gross kommentieren.
Er liess die Beteiligten selbst sprechen.
Und setzte ihre Aussagen so gegeneinander, dass die Widersprüche teilweise regelrecht in den Himmel schreien.
Zu hören sind unter anderem die Bundesräte Moritz Leuenberger und Kaspar Villiger, Mario Corti, Moritz Suter, André Dose, Marcel Ospel und Lukas Mühlemann.
Dazu kommen Aviatik-Journalist Sepp Moser und Siro Barino, der kurz zuvor vom Radio als Mediensprecher zur Swissair gewechselt war und sich plötzlich mitten in einer der grössten Kommunikationskrisen der Schweizer Wirtschaftsgeschichte wiederfand.
Der Bundesrat erklärt:
«Was jetzt eingetreten ist, wollte der Bundesrat stets vermeiden.»
An anderer Stelle bringt ein Satz die Wut innerhalb der Landesregierung auf den Punkt:
«Der Wirtschaftsführer fährt in der Luft, der Bundesrat fliegt in die Luft.»
Aus heutiger Distanz sind es historische O-Töne.
Im Herbst 2001 waren es Sätze aus einem Drama, das gerade live stattfand.
Ospel gegen Mühlemann - 51 zu 49
Auch der Machtkampf der beiden Grossbanken bekommt seinen Auftritt.
Marcel Ospel von der UBS und Lukas Mühlemann von der Credit Suisse rangen um die Finanzierung der Crossair-Lösung.
Das Ergebnis war die berühmte Aufteilung:
51% UBS. 49% Credit Suisse.
Die CS als Juniorpartner.
Selbst dieser Hahnenkampf der beiden mächtigsten Schweizer Banken findet seinen Weg in den Song.
Und natürlich fehlt auch Ospels viel diskutierte Zusicherung nicht, Swissair werde mit der notwendigen Liquidität versorgt.
Ein Versprechen, das sich kurz darauf als verhängnisvoller Versprecher herausstellen sollte.
Kull braucht keinen Erzähler, der darauf hinweist.
Er setzt die Aussagen einfach nebeneinander.
Den Rest erledigt die Chronologie.
Auch Moritz Suter kommt zu Wort.
Seine ausgesprochen emotionale Aussage
«Die Swissair, die ich tief im Herzen liebe»
wirkt inmitten der nüchternen Politiker-, Banker- und Managerstimmen fast wie aus einem anderen Stück.
Kull lässt auch diesen Moment stehen.
Mal ernst. Mal bitter. Mal unfreiwillig komisch.
Gerade darin liegt die Stärke des Songs: «grounded» urteilt kaum offen über seine Protagonisten.
Es schneidet ihre Aussagen so zusammen, dass sie sich teilweise selbst beurteilen.
Und plötzlich wird es zum Schweizer Volkslied
Zwischen all den Originalstimmen taucht Kull selbst auf.
Der Refrain klingt nicht nach internationalem Dancefloor, sondern bewusst nach Schweizer Volkslied:
«I de Schwiiz, i de Schwiiz, da simmer dihei, i de Berge juhei ...»
Dann wird es bissiger:
«Da simmer emal uf Basel abecho und hend a lustigi Airline mit eus gno.»
Crossair als Rettungsboot der nationalen Luftfahrt - verpackt in eine Melodie, die beinahe von einem Schweizer Heimatabend stammen könnte.
Die Kombination ist herrlich schräg.
Bundesräte, Grossbanker, Swissair-Manager, Crossair und dazwischen ein volkstümlicher Refrain.
Die Schweiz verarbeitet eines ihrer grössten Wirtschaftsdramen im Dreivierteltakt-Gefühl.


Kein Geschäft mit dem eigenen Unglück
Dabei hätte man Kull leicht vorwerfen können, aus dem Debakel Kapital schlagen zu wollen.
Genau das wollte er ausdrücklich nicht.
Bereits im damaligen Fernsehinterview erklärte er, dass er persönlich keinen Profit aus der CD ziehen werde.
Mehr als zwei Jahrzehnte später hat mir Michael Kull dies nochmals persönlich bestätigt.
«Grounded» sei eine Herzensangelegenheit gewesen. Der ohnehin bescheidene Erlös wurde vollständig an den damaligen «Sozialplan»-Fonds gespendet, der Härtefälle unter den vom Swissair-Zusammenbruch betroffenen Mitarbeitenden abfedern sollte.
Das verändert den Charakter der CD.
Sie war keine Vermarktung des Debakels.
Sie kam aus dem Debakel selbst.
Produziert von einem, der wenige Tage zuvor noch selbst im Balsberg gearbeitet hatte und nun seine persönlichen Sachen in zwei Plastiksäcken nach Hause trug.
450 Millionen - und Schluss
Auch das Ende des Songs ist bewusst gewählt.
Nach all den widersprüchlichen Aussagen, politischen Schuldzuweisungen, Bankendiskussionen und Emotionen kommt nochmals der Bundesrat zu Wort.
Der Flugbetrieb der Swissair werde finanziell gesichert.
Der Bund stelle dafür einen Kredit von:
450 Millionen Franken.
Dann endet «grounded».
Fast wie eine musikalische Momentaufnahme, bei der jemand auf Stop gedrückt hat.
Die Geschichte selbst war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch lange nicht vorbei.


Aus Michael Kull wird Mike Candys
Und auch für Michael Kull war die Geschichte nicht vorbei.
Wer heute nach seinem Namen sucht, kennt ihn wahrscheinlich unter einem anderen:
Mike Candys.
Kull hatte schon als Kind Klavier gelernt, beschäftigte sich früh mit elektronischer Musik und produzierte bereits lange vor dem Swissair-Debakel eigene Musik. «Grounded» war deshalb keineswegs sein musikalischer Anfang.
Jahre später gelang ihm als Mike Candys der internationale Durchbruch.
Mit Produktionen wie «Insomnia», «One Night in Ibiza» und «2012 (If the World Would End)» feierte er grosse Chart-Erfolge. Seine gelbe Smiley-Maske wurde zu seinem Markenzeichen, und zeitweise gehörte er sogar zu den in den DJ Mag Top 100 geführten DJs.
Die Versuchung liegt nahe, «grounded» deshalb im Nachhinein zum Ausgangspunkt dieser Karriere zu erklären.
Doch Kull selbst widerspricht.
Der Swissair-Song habe keinen Einfluss auf seine spätere Musikkarriere gehabt.
Er war etwas anderes.
Persönlicher.


Zwei Plastiksäcke und eine CD
Genau deshalb ist «grounded» heute so interessant.
Nicht weil hier ein später erfolgreicher DJ zufällig einmal einen Song über Swissair produziert hat.
Sondern weil ein gerade entlassener Swissair-Mitarbeiter versucht hat, das kaum Fassbare mit den Mitteln zu verarbeiten, die ihm zur Verfügung standen.
Mit Musik. Mit Humor. Mit Sarkasmus.
Und vor allem mit den Originalstimmen jener Menschen, die damals vor Kameras und Mikrofonen zu erklären versuchten, was gerade mit der Swissair geschah.
Die CD blieb eine kleine, heute kaum noch bekannte Produktion. Das Dokument weist auf eine lokale Schweizer Pressung hin.
Doch gerade deshalb ist sie heute ein bemerkenswertes Zeitdokument.
Da ist der spätere Mike Candys noch nicht der DJ mit der gelben Smiley-Maske.
Da ist er einfach Michael Kull.
Ein entlassener Swissair-Mitarbeiter vor dem Balsberg.
Neben ihm sein Auto.
In seinen Händen zwei Plastiksäcke.
Und irgendwo dazwischen entstand die Idee, diesem ganzen Debakel einen Beat zu geben.


Photo: Keystone
