Grounding - das Wort, das abhob
Wie das Swissair-Grounding aus einem kaum bekannten Aviatikbegriff ein Schweizer Universalwort für Pleiten, Krisen und grosse Abstürze machte - und dabei seine ursprüngliche Bedeutung beinahe selbst verschluckte.


Es war ein englisches Fachwort, das in der Schweiz kaum jemand benutzte.
Dann sagte es Mario Corti im Schweizer Fernsehen.
Am Freitag vor dem 2. Oktober 2001 warnte der Swissair-Chef in der «Arena» vor einem möglichen Grounding. Gemeint war etwas sehr Konkretes: Wenn der Swissair die Liquidität ausgehen würde, könnten ihre Flugzeuge nicht mehr abheben.
Vier Tage später wusste die ganze Schweiz, was das Wort bedeutete.
Und sie sollte es nie wieder vergessen.


Dienstag, 2. Oktober:
Ein Wort startet durch
An jenem Dienstag wurde aus Cortis Warnung Realität.
Lieferanten verlangten plötzlich Barzahlung, Treibstoffrechnungen konnten nicht mehr bezahlt werden und die verfügbaren Mittel reichten nicht mehr aus, um den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten.
Bis zuletzt wurde versucht, die Stilllegung zu verhindern.
Finanzminister Kaspar Villiger bemühte sich noch am 1. und 2. Oktober um einen gemeinsamen Überbrückungskredit von UBS, Credit Suisse und Bund. Die Credit Suisse erklärte sich schliesslich zu einer Beteiligung bereit, die UBS trat auf die vorgeschlagene Lösung jedoch nicht ein. Der Bund wiederum wollte sich nur beteiligen, wenn beide Grossbanken mitmachten.
Der rettende Kredit kam nicht zustande.
Am Nachmittag standen die Flugzeuge am Boden.
Das war das Grounding der Flotte.
Die offizielle parlamentarische Untersuchung verwendete den Begriff später genau in diesem Sinn: als vorübergehende Stilllegung der Swissair-Flotte vom 2. bis 4. Oktober 2001.
Doch während die Flugzeuge am Boden blieben, hob wenigstens eines ab:
Das Wort selbst.


Plötzlich konnte alles «gegroundet» werden
Innerhalb weniger Stunden wurde «Grounding» zum Buzzword des Jahres.
Swissinfo schrieb bereits exakt ein Jahr später, der Begriff sei regelrecht in die Schweizer Haushalte eingedrungen. Inzwischen werde er längst ausserhalb der Luftfahrt verwendet - in Sport, Kultur und Alltag.
Die Schweiz hatte ein neues Wort gefunden.
Und offenbar grossen Gefallen daran.
Ein Unternehmen steckt in Schwierigkeiten? Grounding.
Ein Projekt droht zu scheitern? Grounding.
Ein Sportverein hat kein Geld mehr? Natürlich: Grounding.
Das Flugzeug war längst nicht mehr nötig.


Bald wurde alles gegroundet
Und die Schweizer Medien entdeckten, wie praktisch dieses neue Wort war.
Während der Pandemie konnte plötzlich «die Schweizer Wirtschaft gegroundet» sein. Theater und Konzertveranstalter befanden sich im «Kultur-Grounding». Sportmannschaften wurden durch Corona «gegroundet», verletzte Spitzensportler blieben ebenfalls am Boden.
In der Politik konnte ein Vorstoss im Bundeshaus ein «Grounding» erleben. Eine politische Karriere liess sich ebenso grounden wie ein ambitioniertes Reformprojekt.
Beim Zusammenbruch des Immobilienimperiums von René Benko war vom «Grounding der Signa-Gruppe» die Rede. Und als 2023 die Credit Suisse innert weniger Tage ihre Eigenständigkeit verlor, lag die Schlagzeile praktisch schon in der Schublade:
«Grounding 2.0».
Selbst im Sport funktionierte die Metapher prächtig. Dem Zürcher Handballverein GC Amicitia konnte finanziell und sportlich ein «Grounding» drohen.
Keine Flugzeuge. Keine Piloten. Kein Kerosin. Nur Handballer und Schulden.
Trotzdem: Grounding.
Der Begriff war endgültig zur schweizerischen Kurzformel für «der grosse Absturz» geworden.


Ein Grounding für die Zürcher Wirtschaft
2007 ging die Interessengemeinschaft Pro Flughafen noch einen Schritt weiter.
Im Abstimmungskampf gegen die Plafonierungsinitiative lautete der Slogan:
«Ein Grounding ist genug!»
Eine Annahme der Initiative habe ähnliche Auswirkungen wie ein Grounding - diesmal allerdings auf die Zürcher und Schweizer Wirtschaft sowie den Wohlstand der ganzen Region. Die Kundgebung fand selbstverständlich am 2. Oktober, dem Jahrestag des Swissair-Groundings, statt.
Aus einer stillgelegten Flugzeugflotte war damit bereits eine politische Metapher für eine bedrohte Wirtschaftsregion geworden.
Dann wurde sogar die ganze Schweiz gegroundet
Den vorläufigen sprachlichen Gipfel erreichte «Grounding» während der Credit-Suisse-Krise.
Der Bund erklärte auf seiner offiziellen Informationsseite zur Übernahme der CS durch die UBS, was bei einem unkontrollierten Konkurs der Grossbank hätte passieren können.
Hunderttausende Kunden und Unternehmen hätten möglicherweise den Zugriff auf ihre Guthaben verloren, KMU hätten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können und das wirtschaftliche Leben wäre ins Stocken geraten.
Die Schlussfolgerung des Bundes:
Es hätte ein «Grounding» der Schweizer Wirtschaft gedroht.
Mehr geht eigentlich kaum.
2001 stand eine ganze Flugzeugflotte still.
Gut zwanzig Jahre später konnte sprachlich eine komplette Volkswirtschaft gegroundet werden.
Das Wort hatte Karriere gemacht.
Grounding auf der Theaterbühne
Natürlich entdeckte auch die Kultur den Begriff.
Bereits 2003 brachte Christoph Marthaler am Schauspielhaus Zürich «Groundings» auf die Bühne.
Eine deutsche Zeitung musste ihren Lesern damals sogar erklären, was die Schweizer mittlerweile unter «grounden» verstanden: sinngemäss stranden, abstürzen oder bankrottgehen.
Gerade einmal zwei Jahre hatte es also gedauert, bis aus einem englischen Luftfahrtbegriff praktisch ein schweizerischer Helvetismus geworden war.
2006 folgte Michael Steiners Kinofilm:
«Grounding - Die letzten Tage der Swissair»
Spätestens damit wurde «Grounding» auch zum Eigennamen für das ganze Swissair-Drama.
Und selbst 2025 stand in Bern wieder eine Theaterproduktion namens «GROUNDING» auf dem Programm. Darin wurde der Swissair-Untergang als Metapher für die vermeintliche Stabilität der Schweiz und die Angst vor Wohlstandsverlust verwendet.
Fast ein Vierteljahrhundert später war das Wort immer noch nicht gelandet.
Selbst Corona brachte ein neues Grounding
Als 2020 die Corona-Pandemie den Luftverkehr praktisch zum Erliegen brachte, war die Schlagzeile schnell gefunden.
SRF titelte:
«Es droht ein Swiss-Grounding»
Die Swiss reduzierte ihr Angebot um rund 80 Prozent und parkierte Flugzeuge in Dübendorf. Sofort waren die Erinnerungen an 2001 wieder da.
Hier war «Grounding» immerhin wieder dort angekommen, wo es ursprünglich herkam:
Bei Flugzeugen.
Fast schon ungewohnt.
Wort des Jahres 2001?
Hätte es damals bereits die heutige Schweizer Wahl zum «Wort des Jahres» gegeben, wäre Grounding wohl ein Kandidat mit hervorragenden Chancen gewesen.
Kaum ein anderes Wort wurde innerhalb weniger Tage derart bekannt.
Noch bemerkenswerter ist, dass es nicht wieder verschwand.
Swissinfo schrieb 2006 rückblickend über den 2. Oktober 2001:
Die Nation sei schockiert gewesen und habe «ein neues Wort» gelernt: Grounding.
Treffender kann man es kaum formulieren.


Irgendwann war auch «Grounding» gegroundet
Wer heute Schweizer Medien liest, könnte allerdings einen anderen Eindruck bekommen.
Die Zeit, in der beinahe jede Firmenkrise, Budgetkürzung und Sportverletzung zum «Grounding» erklärt wurde, ist vorbei.
Das Wort hat sich schlicht abgenutzt.
Eine Metapher lebt davon, dass sie überrascht. Wird sie für alles verwendet, überrascht sie irgendwann niemanden mehr. Was 2001 neu, dramatisch und unmittelbar mit den Bildern stillstehender Swissair-Flugzeuge verbunden war, wurde in den folgenden Jahren zum journalistischen Klischee.
Das bedeutet aber nicht, dass «Grounding» verschwunden ist.
Es scheint vielmehr befördert worden zu sein.
Vom Modewort zum historischen Vergleichsmassstab.
Heute wird es vor allem dann wieder aus dem Hangar geholt, wenn etwas wirklich Grosses ins Wanken gerät: eine nationale Institution, ein vermeintlich unerschütterliches Unternehmen oder gleich die Schweizer Wirtschaft.
Genau deshalb feierte der Begriff beim Untergang der Credit Suisse 2023 plötzlich sein grosses Comeback. Die Parallele war zu verlockend: Wieder verschwand innerhalb kürzester Zeit ein Unternehmen, das jahrzehntelang als fester Bestandteil der Schweizer Wirtschaftsidentität gegolten hatte.
Grounding war nicht mehr das Wort für jede Krise. Es war wieder das Wort für die ganz grossen.


Nur beim Swissair-Grounding wurde die Bedeutung immer unschärfer
Die enorme Karriere des Wortes hat allerdings eine Schattenseite.
Heute bedeutet «das Swissair-Grounding» im allgemeinen Sprachgebrauch häufig nicht mehr nur das Ereignis vom 2. Oktober 2001.
Es steht für den gesamten Niedergang der Swissair.
Hunter - die verlustreichen ausländischen Beteiligungen. Die Milliardenverluste. Die Managementfehler. Die Banken. Die politische Krise. Die letzten Wochen. Das Ende der Airline.
Alles wird sprachlich zu einem einzigen grossen «Grounding».
Selbst Medien verwenden den Begriff inzwischen teilweise in diesem erweiterten Sinn.
Historisch ist das jedoch unscharf.
Grounding war nicht Hunter
Die Hunter-Strategie war eine über Jahre verfolgte Expansionsstrategie der SAirGroup.
Die finanzielle Schieflage entwickelte sich schrittweise.
Das Grounding dagegen war ein konkretes Ereignis.
Am 2. Oktober 2001 fehlte die unmittelbar verfügbare Liquidität, um den laufenden Flugbetrieb weiterzuführen. Der in letzter Minute diskutierte gemeinsame Überbrückungskredit von UBS, Credit Suisse und Bund kam nicht zustande.
Die Flugzeuge blieben am Boden.
Und das Grounding war sogar nur vorübergehend.
Bereits am 4. Oktober konnte Swissair dank eines Bundesdarlehens von 450 Millionen Franken einen reduzierten Flugbetrieb wieder aufnehmen.
Allein deshalb können «Grounding» und «Ende der Swissair» nicht dasselbe Ereignis sein.
Das Wort hat seine eigene Geschichte verschluckt
Und darin liegt vielleicht die grösste Ironie dieser ungewöhnlichen Sprachkarriere.
Das Wort wurde so erfolgreich, dass es irgendwann das Ereignis verschluckte, das es berühmt gemacht hatte.
2001: Grounding bedeutet: Die Flugzeuge bleiben am Boden.
Kurz darauf: Grounding bedeutet: Eine Firma steht vor dem Aus.
Später: Grounding bedeutet: Ein Projekt scheitert, ein Sportverein ist pleite oder eine Wirtschaftsregion droht Schaden zu nehmen.
2023: Sogar der gesamten Schweizer Wirtschaft droht offiziell ein «Grounding».
Und heute?
Heute steht «Swissair-Grounding» für viele schlicht für alles, was beim Niedergang der Swissair schiefgelaufen ist.
Dabei lohnt es sich gerade hier, wieder zur ursprünglichen Bedeutung zurückzukehren.
Denn die wirtschaftliche Krise der Swissair dauerte ein paar Jahre.
Das eigentliche Grounding dauerte zwei Tage.
Die Flugzeuge hoben danach wieder ab.
Das Wort hingegen blieb.
Und es fliegt bis heute.


