Swissair Asia - das Schweizerkreuz musste weg

Swissair Asia war eine kreative Antwort auf den China-Taiwan-Konflikt

Stefan Ehrbar

8/27/20265 min read

Eine Swissair-MD-11, aber ohne Schweizerkreuz.

Stattdessen ein chinesisches Schriftzeichen auf dem roten Seitenleitwerk. Dazu der ungewohnte Schriftzug «Swissair Asia» auf dem Rumpf.

Was auf den ersten Blick wie eine exotische Sonderbemalung aussah, hatte einen handfesten politischen Grund: Wer damals nach Taiwan fliegen wollte, musste Rücksicht auf Peking nehmen.

Und so bekam selbst die für ihre konsequente Markenidentität bekannte Swissair plötzlich ein zweites Gesicht.

Ein diplomatisches Problem auf 10'000m

In den 1990er-Jahren stellte die Volksrepublik China ausländische Fluggesellschaften vor eine schwierige Wahl.

Wer das chinesische Festland bediente, sollte Taiwan nicht gleichzeitig unter demselben Namen und mit denselben nationalen Hoheitszeichen anfliegen. Für Airlines, die sowohl im boomenden chinesischen Markt präsent sein als auch Taipeh bedienen wollten, war das ausgesprochen unpraktisch.

Also tat die Luftfahrtbranche das, was sie bei politischen Problemen gerne tut:

Sie fand eine kreative Lösung.

British Airways gründete British Asia Airways, KLM flog als KLM Asia, Japan Airlines betrieb Japan Asia Airways.

Und am 25. Januar 1995 entstand die Swissair Asia.

Ein chinesisches Zeichen statt Schweizerkreuz

Optisch war die Lösung ebenso einfach wie wirkungsvoll.

Das weisse Schweizerkreuz verschwand vom roten Leitwerk.

An seine Stelle trat das chinesische Schriftzeichen 瑞 - ruì.

Entworfen wurde es von der in Basel lebenden japanischen Kalligrafin Sanae Sakamoto. Das Zeichen bedeutet sinngemäss «gutes Omen» oder «Glücksbringer». Gleichzeitig ist es das erste Zeichen von Ruìshì - 瑞士, der chinesischen Bezeichnung für die Schweiz.

Das war ziemlich clever.

Das Schweizerkreuz war weg.

Die Schweiz irgendwie trotzdem noch da.

Selbst das kleine Schweizerwappen neben der Registrierung, das die normalen Swissair-Flugzeuge trugen, musste verschwinden. Auf einem Flugzeug der Swissair Asia durfte kein Schweizer Hoheitszeichen den diplomatischen Frieden stören.

Eine Airline, die eigentlich kaum eine war

Swissair Asia existierte tatsächlich als eigenständige Aktiengesellschaft.

Eigene Flugzeuge hatte sie allerdings nicht.

Eigenes Personal auch nicht.

Swissair stellte ihrer Tochter die MD-11 samt Cockpit- und Kabinenbesatzung zur Verfügung - im Prinzip ein Wet Lease innerhalb der eigenen Familie. Für die Besatzungen änderte sich wenig. Einige Logos auf Uniformen und Kopfstützen mussten angepasst werden, ansonsten blieb eine Swissair-Crew eine Swissair-Crew.

Swissair Asia war damit eine Art Papier-Airline mit sehr echten Flugzeugen.

Zürich - Bangkok - Taipeh

Am 7. April 1995 startete der offizielle Flugbetrieb.

Die Kernverbindung führte zunächst zweimal wöchentlich von Zürich über Bangkok nach Taipeh und zurück.

Dafür wurden im Laufe der Jahre insgesamt acht MD-11 zeitweise mit dem Swissair-Asia-Schriftzug und dem chinesischen Zeichen versehen.

Das bedeutete allerdings keineswegs, dass diese Flugzeuge ausschliesslich Taiwan sahen.

Im Gegenteil.

Die Asia-MD-11 flogen ganz normal im weltweiten Swissair-Netz. New York, Chicago oder São Paulo waren ebenso möglich.

Nur einen Ort mussten sie konsequent meiden:

das chinesische Festland.

Eine Swissair-Asia-MD-11 durfte also problemlos in New York auftauchen - aber nicht in Peking oder Shanghai.

Globale Einsatzplanung mit politischem Sperrvermerk.

Am Ende waren es noch zwei

Im Herbst 2001 war die Swissair-Asia-Flotte bereits stark verkleinert.

Nur noch zwei MD-11 trugen die besondere Bemalung:

HB-IWG «Valais/Wallis» und HB-IWN «Ticino/Tessin».

Die ebenfalls bekannte HB-IWL mit dem älteren braunen Design war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in die normale Swissair-Bemalung zurückversetzt worden.

Für Swissair Asia gab es danach keinen Nachfolger.

Die neu entstandene SWISS nahm Taipeh nicht wieder in ihr Streckennetz auf. Ihr Asiengeschäft konzentrierte sich stattdessen auf andere Destinationen wie Hongkong, Shanghai, Tokio und Singapur.

Damit verschwand auch das chinesische Zeichen vom Schweizer Himmel.

Was kam nach Swissair?

Taipeh verschwand natürlich nicht von der europäischen Luftfahrtkarte.

British Asia Airways verschwand Ende 2001 mit der Einstellung der BA-Verbindung nach Taipeh, Air France Asie einige Jahre später.

Die bemerkenswerteste Überlebende ist KLM Asia.

KLM hielt an der besonderen Konstruktion fest und bedient Taipeh weiterhin ab Amsterdam. Damit lebt ein Relikt jener Zeit weiter, in der europäische Airlines ihre Markenidentität den politischen Realitäten in Ostasien anpassen mussten.

Der Markt selbst sieht heute allerdings völlig anders aus.

Direktverbindungen zwischen Taiwan und Europa werden inzwischen vor allem von taiwanischen Airlines angeboten. China Airlines bedient mehrere europäische Städte, EVA Air fliegt unter anderem München, Paris, Wien und Mailand an, und mit Starlux ist eine weitere taiwanische Airline nach Europa vorgestossen. Aus der Schweiz gibt es dagegen weiterhin keine direkte Verbindung nach Taipeh.

Aus Passagierjets werden Paketboten

Und was wurde aus den beiden letzten Swissair-Asia-MD-11?

Ihre Geschichte war noch lange nicht vorbei.

HB-IWG und HB-IWN gelangten zunächst zur SWISS und behielten dort ihre Passagierkabinen. Nach dem Ende der MD-11-Passagierflotte wurden beide zu Frachtern umgebaut.

Nach einem Zwischenstopp bei der brasilianischen Varig landeten beide bei UPS Airlines.

Aus HB-IWG wurde N282UP.

Aus HB-IWN wurde N287UP.

Die beiden Flugzeuge, die einst wegen eines diplomatischen Konflikts ohne Schweizerkreuz nach Taipeh flogen, transportierten nun als MD-11F Pakete durch das weltweite UPS-Netz.

Und das erstaunlich lange.

Mehr als 15 Jahre standen sie noch als Frachter im Einsatz.

Erst Ende 2025 kam ihre Karriere abrupt zum Stillstand. Nach dem schweren Unfall einer UPS-MD-11 wurde die amerikanische MD-11-Flotte gegroundet. Im Januar 2026 entschied UPS schliesslich, seine verbliebenen 26 MD-11F nicht mehr in den Betrieb zurückzubringen.

Damit endete auch die Geschichte der beiden letzten Swissair-Asia-Maschinen in der Luft.

Ein rotes Heck erzählt Weltpolitik

Heute wirkt Swissair Asia wie eine skurrile Fussnote der Luftfahrtgeschichte.

Tatsächlich erzählt sie aber erstaunlich viel über ihre Zeit.

Über die schwierigen Beziehungen zwischen China und Taiwan.

Über Verkehrsrechte und Diplomatie.

Über eine Luftfahrtindustrie, die selbst für geopolitische Probleme eine operative Lösung fand.

Und über eine Swissair, die sogar ihr berühmtes Schweizerkreuz vom Leitwerk nahm, wenn es nötig war, um eine Destination weiterhin bedienen zu können.

Vielleicht war gerade deshalb das chinesische so passend.

Es stand für ein gutes Omen - und gleichzeitig für die Schweiz.

Mehr Swissair konnte man auf ein Flugzeug ohne Schweizerkreuz eigentlich kaum malen.

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